St. Vincent

Es beginnt mit dem Schöpfungsmythos: St. Vincent, nackt und allein in der Wildnis, erschrickt, als das unheilvolle Klappern einer Schlange die Stille von Eden durchbricht. Sie erkennt, dass sie nicht allein auf dieser Welt ist, und läuft los. Einer ungewissen Zukunft entgegen. Was für eine hübsche und passende Metapher, um St. Vincents selbstbetiteltes viertes Album einzuläuten – nur, dass es buchstäblich so geschehen ist.

“Es ist ganz und gar keine Metapher”, sagt St. Vincent aka Annie Clark über “Rattlesnake”, den ersten Track des Albums. Zu Besuch auf der Ranch eines Freundes in West-Texas, beschloss sie eines Tages, die Einsamkeit, die das Stadtleben so selten bietet, in vollen Zügen zu genießen – und entledigte sich ihrer Kleider. “Ich ging auf diesem riesigen Grundstück spazieren. Da weit und breit niemand zu sehen war, beschloss ich, mich auszuziehen, um mit der Natur eins zu sein. Ich sah zwar die Löcher im Boden, begriff aber erst, was es damit auf sich hatte, als ich das Klappern hörte und die Schlange erblickte.”

Annie Clark hat in den letzten zwei Jahren ein solch halsbrecherisches Tempo an den Tag gelegt, dass ihr in diesem Wirbelwind aus Touren und Platten-Aufnahmen kaum die Zeit blieb, zwischendurch einmal zu Atem zu kommen. 2011 veröffentlichte sie ihr drittes Album “Strange Mercy”, das die New York Times “eines der besten des Jahres” nannte und Pitchfork als “bemerkenswert” bezeichnete. Die Platte zementierte ihren Status als eine der furchtlosesten und erfinderischsten Gitarristinnen ihrer Generation, hievte sie auf die Titelblätter von SPIN, Paper und Under the Radar, brachte ihr Auftritte im Metropolitan Museum Of Art, bei Letterman, Fallon und Conan, sowie eine ein Jahr dauernde, ausverkaufte Tour durch die größten Venues rund um den Erdball ein. Sie hatte eine Gastrolle in der beliebten IFC-Serie “Portlandia” und schmückte die Seiten der heiß begehrten September-Ausgabe der Vogue. Ausgerechnet in dieser ohnehin bereits unglaublich hektischen Zeit nahm sie auch noch ein gemeinsames Album mit David Byrne auf. “Love This Giant” wurde ein weiterer gigantischer Kritikererfolg, den The New Yorker als “phänomenal” und NPR als “magisch” bejubelten.

“Direkt im Anschluss an das letzte Konzert der ‘Strange Mercy‘-Tour in Japan bin ich zu den Rehearsals von ‘Love This Giant’ geflogen, um gleich danach zur Nord-Amerika-Tour aufzubrechen”, erzählt Clark.

Als alles vorbei war, machte sie unmissverständlich klar, dass sie nun dringend zwei Wochen für sich allein benötigte, um sich vom Tour-Leben zu erholen und sich wieder zu erden. Eine ungestörte Auszeit, frei von Gedanken an Alben, Touren, Festivals oder Studio-Aufenthalte. “36 Stunden später verschickte ich eine Rundmail, in der stand: ‘Ich bin bereit, wieder loszulegen’,” lacht Clark. “Ich begann damit, Musik zu schreiben.”

Diese Musik sollte schon bald zu ihrer in lyrischer Hinsicht bisher anspruchsvollsten und musikalisch abwechslungsreichsten Sammlung von Songs heranwachsen. Kompositionen, in denen verzerrte, aggressive Gitarren auf eine unerbittliche Rhythmus-Sektion sowie gewagte Vocal- und Synthesizer-Arrangements trafen.

“Der Groove sollte absolute Priorität haben”, sagt Clark über das Album, dessen Arrangements und Demos in Austin entstanden, bevor sie für die Aufnahmen nach Dallas ins Studio ging. Sie engagierte Homer Steinweiss von den Dap-Kings und mit McKenzie Smith von Midlake einen alten Bekannten als Schlagzeuger und gab die Produktion erneut in die Hände von John Congleton, um das klangliche Potenzial, dass sie mit “Strange Mercy” gerade erst ausgelotet hatten, in bisher völlig unerschlossenes Gelände zu überführen. “Mein Ziel war eine Party-Platte, die man auch auf einer Beerdigung spielen konnte.”

Das Ergebnis ist packender, als alles, was Annie Clark bislang gemacht hat. “Bring Me Your Love” ist ein wilder Wahnsinnstripp, aber selbst weniger wilde Nummern wie “Severed Crossed Fingers” sind in ihrer surrealen Schönheit unzweifelhaft als ihre zu erkennen. Den Kern ihrer Musik bestimmen aber auch weiterhin existenzielle Fragen, etwa, was es heißt, ein Mensch zu sein und danach, wie wir versuchen, unserem Leben einen Sinn zu geben.

“Regret” fängt einen Augenblick ungeheurer Verwundbarkeit ein, während “I Prefer Your Love” das womöglich unverfälschteste Liebesbekenntnis ist, das sie je geschrieben hat. Der Song “Digital Witness”, in dem Clark die Zeilen “If I can’t show it / If you can’t see me / what’s the point of doing anything?” singt, widmet sich der Identität in den Zeiten von Instagram.

“Wir werden überflutet von Technologien, die uns zu ewigen Zuschauern machen”, sagt Clark dazu. “Es reicht nicht mehr aus, das Leben zu erfahren, wir müssen es dokumentieren und anderen Leuten vorführen, um unsere Existenz zu rechtfertigen.” Clark gibt unumwunden zu, dass sie selbst von Zeit zu Zeit diesem Impuls nachgibt, was den Gedanken daran für sie umso faszinierender macht. “In textlicher Hinsicht bin ich immer schon sehr daran interessiert, wie kompliziert wir Menschen doch sind – vor allem an der Vorstellung wirklicher Ambivalenz”, sagt sie. “Ambi-Valenz, im wörtlichen Sinne. Von zwei Kräften zugleich getrieben zu sein.”

Die Musik auf “St. Vincent” ist zugleich bezaubernd und beängstigend, prachtvoll und morbide, tröstend und mysteriös. Mit dem vierten Album einer wahrhaft überwältigenden Musiker-Karriere präsentiert sich Annie Clark so “ambivalent” wie nie zuvor – und in absehbarer Zeit wird sie ihr Tempo wohl kaum drosseln.

STVcover

St. Vincent wurde 2014 mit einem Grammy für das Best Alternative Music Album ausgezeichnet.

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