baba zula kündigen ihr neues album ‚hayvan gibli‘ an

Für die fünfte Folge der gefeierten Reihe „Direct-to-Disc“ von Night Dreamer sind die anatolischen Musiklegenden BaBa ZuLa in das Artone Studio in Haarlem gegangen, um dort puren Psychedelia-Rock zu spielen, angereichert mit jenem Hang zu dubbigen Experimenten, der sie zu einer der aufregendsten Bands des weltweiten Undergrounds macht.  

BaBa ZuLa beschreiben ihren Sound als „Psychedelic Istanbul Rock & Roll“ – ein berauschter und berauschender Mix aus klassischem Anadolu-Psych-Sound, modernen elektronischen Klängen, Dub-Studioexpertise und feurigen Experimenten. Die Band wurde 1996 nach der Auflösung der Experimentalband ZeN gegründet und begann mit Filmmusik, ehe sie ihren eigenen Sound entwickelte, der türkische Psychedelia der Siebziger ins 21. Jahrhundert transportierte.  

Kopf der Band ist der Elektro-Saz-Spieler Osman Murat Ertel, der im kreativen Milieu von Istanbul in den Sechzigern aufwuchs. Es war eine Zeit der Innovationen und Experimente. Musiker wie Erkin Koray und Barış Manço und Gruppen wie Moğollar und Bunalım verbanden anatolischen Folk mit internationalem Pop und psychedelischem Rock, um jenen Mix zu kreieren, der heute als „Anadolu Psych“ bekannt ist. Zu den wichtigsten Innovationen dieser Ära gehören die Elektrifizierung der Saz, eines siebensaitigen Bouzoki-ähnlichen Instruments, auch Baglama genannt, das fast 3000 Jahre alt ist, und für türkische Folkmusik essentiell ist. Die elektrische Verstärkung des mikrotonalen Klangs der Saz machte die Musik der Ashiqs – fahrende Troubadoure, die durch ihre Außenseiterstellung die Mächtigen kritisieren konnten – für eine neue Generation wieder relevant. Das heiße Saz-Spiel von Ertel ist der Kern des Sounds von BaBa ZuLa.  

Aber BaBa ZuLa ging es auch immer darum, die Möglichkeiten von Musik selbst zu erforschen. „Wir sind eine besondere Band“, erklärt Ertel. „Wir folgen traditionellem türkischen Psych-Folk und verbinden ihn mit Einflüssen aus der ganzen Welt, aber anders, als es in den Sechzigern gemacht wurde. Wir haben unsere eigene Technik.“ Ertels Liebe für Reggae führte zu Zusammenarbeiten mit Größen wie dem Dubmeister Mad Professor oder dem legendären Rhythmusduo Sly & Robbie. Auf der Suche nach elektronischem Input haben sie auch mit Schlagzeuger und Can-Genie Jaki Liebezeit und Alexander Hacke, dem Bassisten von Einstürzende Neubauten, Musik aufgenommen. Und ihre Vorliebe für Improvisation hat sie zu dem französischen Gitarristen Titi Robin und der norwegischen Jazzlegende Bugge Wesseltoft geführt. Während sie immer eindeutig im Anadolu Psych ihrer Heimatstadt Istanbul verwurzelt sind, spinnen sie ihre musikalischen Fänden über die ganze Welt und viele Genres und weben aus ihnen ihren ganz eigenen Psychedelic Rock.  

Ein Dubwise-nahes Studioflair gehört immer zu den Aufnahmen von BaBa ZuLa, aber die ganze Energie ihrer Musik entfaltet sich erst live, wenn Zauberei an den Reglern durch die Magie von langen, tranceähnlichen Jams, erleuchtet von heißen Improvisationen und schweren Riffs, ersetzt wird. Erst dann wird die wahre psychedelische Natur ihrer Musik deutlich. „Ich spiele gerne live, und ich improvisiere gerne“, sagt Ertel. „Ich halte improvisierte Musik für echter, und sehr kostbar.“  

Das passt zum One-Take-Ethos von Night Dreamer, die Musik kommt direkt aufs Band. Für diese Session haben BaBa ZuLa live im Studio gerockt, und die feurige Energie ihrer Studiosession war so wild, dass es ein Doppelalbum werden musste, um ihr gerecht zu werden. „Das ist der Traum eines jeden Musikers“, sagt Ertel. „Aber ein ganzes Album live zu spielen und dann direkt auf Platte zu pressen war für uns als Band auch eine Herausforderung. Wir konnten nichts verstecken, und uns keine Fehler erlauben. Näher an die Liveerfahrung von BaBa ZuLa kann ein Album nicht kommen.“  

Der Mitbegründer und Schlagzeuger Levent Akman stimmt zu: „Als Mitglied dieser Band musst du immer bereit sein für Auftritte und Aufnahmen. Manchmal erzählen uns Fans, dass sie die Energie unserer Konzerte auf unseren Platten vermissen. Das macht uns immer etwas traurig. Aber mit diesem Album haben wir das endlich hinter uns gelassen. Die Aufnahmen haben eine extrem positive Aura.“

Für Murat Ertel ist diese Session noch aus einem anderen Grund von Bedeutung – es war das letzte Mal vor der Corona-Pandemie, dass die Band zusammen in einem Raum gespielt hat. „Das Timing ist wichtig, weil wir gerade nicht auftreten können. Deswegen ist die Aufnahme noch wertvoller, und sie fängt ein, was entstehen kann, wenn Leute zusammen Musik machen. Durch das Zusammenspiel zwischen uns und die fast telepathische Verbindung, die wir nach 25 Jahren als Band haben, entsteht ein Gruppengefühl.“  

Das Ergebnis ist eine außergewöhnliche Aufnahme, die eine der wuchtigsten Bands der Welt in einem Schlüsselmoment einfängt. Sie packen alles in eine Livesession, bei der ihr visionärer Anadolu Psych wie von selbst das ganze Haus abfackelt.  

„Hayvan Gibi“ ist ein Konzeptalbum – der Titel bedeutet „so natürlich elegant wie ein Tier sein“. Jedes Stück ist nach einem anderen Tier mit einer eigenen Geschichte benannt, manche aus ferner Vergangenheit, manche aus Baba ZuLas eigenen Erfahrungen. Viele dieser Songs wurden schon in kürzeren Fassungen im Studio aufgenommen, aber erst auf dieser Platte dürfen sie richtig strahlen.